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Schlange stehen an der Künstlerbörse in Thun: Vor dem Auftritt des Kabarettisten Jan Rutishauser bin ich die Letzte, die noch rein darf in den Saal, der bis auf den letzten seiner über 700 Plätze besetzt ist. Es ist 2 Uhr nachmittags und das alljährliche Stelldichein der Schweizer Kleinkunstszene in vollem Gange. «Ich bin nicht von hier», stellt sich der junge Mann auf der Bühne vor, schwarzes Hemd, zurückgekrempelte Ärmel, Brille. «Man hört’s, ne?» Ja, man hört’s, und rät trotzdem falsch: «Meine Region ist bekannt für drei Dinge: für ihre Äpfel, ihren See, und ihre Verbrechen gegen die Menschheit. – Also damit meine ich dä Thuägaua Dialëkt

 

Nach 30 Sekunden hat das junge Bühnentalent seine Zuschauer im Sack, und ich bin erstaunt, wie offenkundig wohlwollend das Publikum reagiert – Szeneapplaus und Lacher von Experten, die nach Thun gereist sind, um ihre Veranstaltungsprogramme für die nächste Saison zusammenzustellen. Die Kleinkunstszene, das merkt man schnell, ist eine grosse Familie, und die Künstlerbörse ihr Verwandtschaftstreffen. Über 80 Künstlerinnen und Künstler zeigen während dreier Tage Ausschnitte aus ihren neuesten Bühnenprogrammen, rund 3000 Besucherinnen und Besucher pflegen ihre Kontakte und bringen sich aufs Laufende über die aktuellen Entwicklungen.

 

Zwischen Festival und Networking-Event

Der Thurgauer habe ihm besonders gut gefallen, verrät mir ein älterer Herr in der Pause auf der sonnigen Piazza, wo musikalische Darbietungen und eine Bar für Festival-Atmosphäre sorgen. Er begleitet seine Frau, die Mitglied ist von Kultur in Engelburg – der Verein bringt Kleinkunst von Bänz Friedli über Manuel Stahlberger bis hin zu Lapsus in die alte Turnhalle des Dorfes unweit von St. Gallen. Rutishausers Schlagfertigkeit, seine tänzerischen Fähigkeiten und sein Schalk haben die beiden überzeugt – und nicht nur sie. Am Stand von Rutishausers Vertretung im Untergeschoss des Kultur- und Kongresshauses hat sich gleich nach dem Auftritt eine neue Schlange gebildet. Hier in der Exposition treffen sich Veranstalter und Künstler zu ersten Gesprächen, ihre Agenten verhandeln Auftrittsdaten und Gagen.

 

«Die Kleinkunstszene würde ohne Künstlerbörse nicht funktionieren», ist die Vertreterin des Kinotheaters Odeon in Brugg überzeugt, mit der ich für den nächsten Programmblock anstehe. Für sie ist der Anlass die Gelegenheit, die Live-Qualitäten potentieller Gastkünstler zu prüfen – denn Kleintheater wie das Odeon haben zu wenig personelle und finanzielle Ressourcen, um das Jahr hindurch Auftritte in anderen Häusern zu besuchen. So repräsentiert die Künstlerbörse in Thun nicht nur die Bandbreite des Kleinkunstschaffens – von Clownerie über Musiktheater bis hin zu Figurenspiel und Comedy – sondern auch die Vielfalt und Vielzahl der kleinen Bühnen in der Schweiz.

 

Breiter Zugang zu kultureller Produktion

«Kleinkunst hat in der Schweiz die Bedeutung einer kulturellen Grundversorgung», sagt Anne Jäggi, Geschäftsführerin der Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnen (KTV ATP), die für die Austragung der Künstlerbörse verantwortlich ist. Anders als freie Theater- oder Musikproduktionen, die meist auf grosse Bühnen angewiesen sind, pflegen Kleinkünstler eine intensive Tourneetätigkeit. «Sie sorgen dafür, dass professionelle Bühnenkunst auch ausserhalb der urbanen Zentren, in den hintersten Tälern des Landes stattfindet», sagt Jäggi.

 

Da erstaunt es nicht, dass die Kleinkunst auch einen hohen Stellenwert beim Migros-Kulturprozent geniesst. Viele Kleintheater in der Schweiz sind von ehrenamtlichen Vereinen getragen und dadurch in der breiten Bevölkerung verankert. Gottlieb Duttweilers Anliegen war es, niederschwellige Zugänge zu Bildung und Kultur zu schaffen – und so unterstützt das Migros-Kulturprozent nicht nur zahlreiche Kleinkunstbetriebe im ganzen Land, sondern betreibt mit dem Theater Im Hochhaus auch selbst eine Kleinkunstbühne. In den Jahren 1990-2004 wurden in den regionalen Migros-Betrieben Theatervorstellungen für die eigenen Mitarbeitenden organisiert. Und noch heute profitieren Angestellte der Migros von Gratis-Eintritten Im Hochhaus – sie machen rund einen Drittel des Publikums aus.

 

Vielfalt und Experimentierfreudigkeit

«Wir haben den Anspruch, Im Hochhaus ein Programm zu zeigen, das a priori gut ist», erklärt Béatrice Schmidt, Projektleiterin Kleinkunst beim Migros-Kulturprozent. Ob die auftretenden Künstler – hauptsächlich Wort-Kabarettisten – schon bekannt sind oder nicht, das Publikum darf der langjährigen Expertise der Programmverantwortlichen vertrauen, die ihre Fühler unter anderem an Künstlerbörsen wie derjenigen in Thun ausstreckt. Ihre Entdeckung an diesem Freitagmorgen: der Hitziger Appenzeller Chor.  Neun junge Menschen, die in Trachten Appenzeller Volkslieder singen – den braven Halbkreis aber mit Beatboxeinlagen und unerwarteten Choreographien durchbrechen.

 

Es sind diese Experimentierfreudigkeit und die stetige Erneuerung und Erweiterung der Sparte, die für Anne Jäggi, Geschäftsführerin der KTV ATP, das Wesen der Kleinkunst ausmachen. Sie mag die Geschichte der 40-jährigen Organisation nicht auf einzelne Trends oder Strömungen reduzieren. «Jede Künstlerbörse ist eine Spezialausgabe, bei der die Auswahlkommission bemüht ist, qualitativ hochstehende Entwicklungen in den verschiedensten Genres der Kleinkunst abzubilden.»

 

Anerkennung als eigene Kultursparte

Das Besondere an der 56. Ausgabe der Künstlerbörse ist jedoch, dass der Schweizer Kleinkunstpreis erstmals vom Bundesamt für Kultur (BAK) finanziert und verliehen wurde. Für die KTV ATP ist dies eine wichtige Anerkennung und Wertschätzung ihres breiten Kulturschaffens. Die Arbeit geht dem Interessenverband trotz des Meilensteins aber nicht aus: «Die Kleinkunst fällt bei den Fördergremien der öffentlichen Hand häufig durch die Raster, weil sie zu wenig klar definiert ist», erklärt Anne Jäggi. In Zukunft will die KTV ATP deshalb eine verstärkte Vermittlungsposition einnehmen und für die Qualität und Förderwürdigkeit von Kleinkunst-Projekten sensibilisieren.

 

«Für die meisten Theater- und Tanzleute ist die Kleinkunst ein Buch mit sieben Siegeln», bestätigt Schmidt. «Es braucht eine intensive Auseinandersetzung mit der Sparte, um sie in ihrer Vielfalt zu erfassen.» Deshalb betreibt das Migros-Kulturprozent innerhalb der Abteilung Darstellende Künste und Literatur auch eine eigene für die Kleinkunst zuständige Stelle. Von 2001 bis 2014 hat es den Schweizerischen Innovationspreis ausgerichtet und damit herausragende Kleinkünstler in ihrer Entwicklung unterstützt.

 

Von Spoken Word zu Kabarett

Mit der Integration des Kleinkunstpreises in die Schweizer Theaterpreise des BAK will das Migros-Kulturprozent nun neue Formate entwickeln und auf bestehende Bedürfnisse der Kleinkunstszene reagieren. Vor 3 Jahren hat es in Zusammenarbeit mit den Oltner Kabarett-Tagen bereits das Kabarett-Casting als Plattform für Nachwuchs-Talente ins Leben gerufen. Gewinner der letzten beiden Ausgaben: Jan Rutishauser und Christoph Simon, der an der Künstlerbörse ebenfalls Auszüge aus seinem Schaffen präsentiert.

 

Simon wie Rutishauser sind auch in der Spoken-Word-Szene bekannte Namen. Ersterer wurde 2014 und 2015 zum besten Slampoeten der Schweiz gekürt, Zweiterer war Finalist derselben Meisterschaft. An Poetry Slams werden kurze, oft humorvolle Texte vorgetragen –  da scheint der Schritt hin zum abendfüllenden Kabarett-Programm eine logische Weiterentwicklung für aufstrebende Künstler.

Überhaupt treten an der Künstlerbörse in Thun auffällig viele Schriftsteller und Spoken-Word-Poeten auf: Hazel Brugger als Moderatorin, Simon Chen, Stefanie Grob und Gerhard Meister als Combo Die Eltern und allen voran natürlich Pedro Lenz, der an der Eröffnungsgala den Schweizer Kleinkunstpreis entgegennehmen durfte und gegenüber Schweizer Radio und Fernsehen SRF sagte: «Ich habe der Kleinkunst sehr viel zu verdanken. Im Ausland glaubt man gar nicht, wie gut vernetzt wir hier sind und welche Auftrittsmöglichkeiten sich uns bieten. Mir macht die Bühne Spass, als Ergänzung zum eher autistischen Schreibprozess.»

 

Wechselnde Tätigkeiten und Formationen

Pedro Lenz ist Mitglied der Spoken-Word-Gruppe Bern ist überall und hält musikalische Lesungen mit dem Duo Hohe Stirnen, Christoph Simon schreibt Romane und zeichnet Cartoons, und Jan Rutishauser bewegt sich an den Grenzen von Stand-up-Comedy und Pantomime: Das genreübergreifende Arbeiten dieser Künstler macht es obsolet, nach der passenden Schublade zu suchen. Die Kleinkunstszene gleicht eher einer reichhaltigen Truhe, die man mit dem Anspruch öffnet, intelligente Unterhaltung mit nachhaltiger Wirkung vorzufinden.

 

Typisch für die vielseitigen Künstler ist auch, dass sie im Laufe ihrer Karrieren in unterschiedlichen Formationen auftreten und zu wechselnden Kooperationen zusammenfinden. Bestes Beispiel sind Clown Dimitri und seine Nachkommen: An der Künstlerbörse in Thun tritt der Vater der Tessiner Artistendynastie im Duo mit Roberto Maggini auf – die beiden interpretieren seit vielen Jahren gemeinsam Tessiner Volkslieder. Tochter Nina Dimitri präsentiert mit Clownin Silvana Gargiulo (die ebenfalls für den Kleinkunstpreis nominiert war) das komische Theater Buon Appetito, während der ganze Clan mit dem Programm DimiTriGenerations durch die Schweiz tourt.

 

Tessiner Künstler orientieren sich neu

Überhaupt sind die Familie Dimitri sowie die zahlreichen Abgänger der Scuola Teatro Dimitri (Verscio/TI) nicht wegzudenken aus der Schweizer Kleinkunstszene und haben deren Ruf auch international geprägt. Dies ist insofern bemerkenswert, als der Kanton Tessin eigentlich kein Biotop für freischaffende Künstlerinnen und Künstler ist. «Viele kleine Bühnen, die mit Deutschschweizer Kellertheatern vergleichbar sind, zeigen hauptsächlich Musik und Dialekt-Theater», erklärt Margrit Huber vom Verband der Vereinigten Theaterschaffenden der italienischen Schweiz TASI. Freie Produktionen haben deswegen in der Vergangenheit schnell den Schritt ins Ausland gesucht – insbesondere nach Italien und Argentinien.

 

Dies soll sich nun ändern, zumal sich die Rahmenbedingungen in den Partnerländern aufgrund der wirtschaftlichen Situation verschlechtert haben. «Für Tessiner ist es ein neuer Gedanke, sich auf die Kleinkunstszene im Norden zu konzentrieren», sagt Huber. Ein erster Schritt ist mit der Präsenz als Gastkanton an der Thuner Künstlerbörse getan: Zehn Formationen haben die Möglichkeit erhalten, ihr Schaffen den Veranstaltern und Agenturen jenseits des Gotthards zu präsentieren und in der Deutschschweiz Kontakte zu knüpfen. 

 

Sprungbrett für Newcomer

Ein Netzwerk aufbauen will sich auch Selma Roth, die an der Scuola Dimitri Bewegungstheater studiert und 2007 einen Studienpreis des Migros-Kulturprozent gewann. Einem Auftritt an der Künstlerbörse stand dieses Jahr noch der Premierentermin ihres Stückes Roswitha in Soffitta im Wege, doch die Darstellerin nutzt in Thun die Gelegenheit, «erst einmal zu sehen, wie alles läuft». Welche Tipps erhält sie denn von Künstlern, die nicht zum ersten Mal vor Ort sind? «Möglichst viele Leute ansprechen», lacht Roth und steckt mir ihre Visitenkarte zu. «Man muss an sich selbst glauben und immer weitermachen. Talent alleine reicht nicht aus, sondern es braucht auch ein wenig Glück.»

 

Für die auftretenden Künstlerinnen und Künstler steht und fällt dieser glückliche Moment mit der Spielzeit, die ihnen zugeteilt wird. «Ich habe schon alles erlebt: von gar keinen bis hin zu einem regelrechten Ansturm von Anfragen», berichtet David Baumgartner von der Agentur Kulturbau, die arrivierte Künstler wie Andreas Thiel, schön&gut oder Uta Köbernick vertritt. «Jeder kommt mit der Hoffnung hierher, die grosse Karriere zu lancieren», weiss der Mitbegründer der Vermittlungsbüros. «Als Sprungbrett kann die Künstlerbörse ein wichtiger Ort sein – wenn alles stimmt.»

 

Social Media wird zur offenen Bühne

Für Jan Rutishauser hat diesmal alles gestimmt. «Ich bin extrem zufrieden», verrät der gefragte Newcomer, als ich ihn auf dem Weg ins mobile Radiostudio von SRF erwische. Bei aller Euphorie bleibt der 25-Jährige aber realistisch: «Ein US-Comedian sagte mal, ein Übernacht-Erfolg dauere zehn Jahre. Wenn ich mir diese zehn Jahre nicht gebe, werde ich es immer bereuen.» Um die Lebenskosten tief zu halten, lebt Rutishauser momentan in Berlin. Er schwärmt von den Rahmenbedingungen in der Stadt der Kreativen: «Fast jeden Abend gibt es irgendwo die Möglichkeit, neue Texte vor einem Publikum zu testen.» In der Schweiz mangle es demgegenüber an offenen Bühnen: «Man lernt so etwas nicht am Schreibtisch», ist Rutishauser überzeugt.

 

«Niemand hat mehr Likes als ich», lese ich auf dem Nachhauseweg in der Pendlerzeitung ein Zitat von Bendrit Bajra, dem 19-jährigen Youtube-Komiker und Facebook-Star, der mit Videos über die Klischees von Schweizern und Ausländern zurzeit für Aufsehen sorgt. Es ist eine gänzlich andere Welt, aus der ich gerade auftauche. Die feinen Augenblicke der Bühnenkunst lassen sich von der Social-Media-Wucht nicht übertrumpfen.

 

 

 

Publiziert im April 2015 im Online-Magazin von Migros-Kulturprozent (nicht mehr abrufbar)

Subtile Momente der Bühnenkunst

Die Künstlerbörse in Thun ist das wichtigste Treffen der Schweizer Kleinkunstszene. Ein Besuch zeigt: Das genreübergreifende Schaffen auf den kleinen Bühnen dieses Landes erfindet sich ständig neu und sorgt für kulturelle Höhepunkte auch abseits der Zentren.