Ich schreibe für diesen Moment: das leere, weisse Blatt vor mir, die Finger ruhig auf der Tastatur, die Gedanken in Bewegung. Dieser Moment ist Geistesblitz und Neugier, Zweifel und Erkenntnis, Nachdenken und Inspiration.


Zeit zum Schreiben habe ich nie. Seitdem ich es zu meinem Alltag gemacht habe, bin ich gehetzt. Ich koordiniere Termine, suche Effizienz und Routine, ringe um Wörter und Zeilen, finde keinen Schlaf.
Auf meinem Schreibtisch, eine Postkarte: Max Frisch in seinem Atelier in Brezona/TI, umgeben von
schweren Granitmauern, die Tür geöffnet zum Garten hin, die Lorbeersträucher, man kann sie förmlich riechen.


Da möchte ich hin. Da wollte ich hin, zum Schreiben dieses Textes. In meinem Kopf: eine Terrasse an felsiger Küste, der Blick weit, die Meeresbrise warm. «Ausserhalb von allem», wie Frisch es beschrieben hatte. Dieser Ort ist weit weg von hier, er ist weit weg von mir.

 

Beispiele von Autorinnen und Künstlern, die sich wie Frisch einen Zufluchtsort schufen in einer Welt, die sie umtrieb und aufrieb, gibt es zuhauf. Michel de Montaigne etwa, der Begründer der Essayistik, legte im Jahr 1570 sein Richteramt nieder und verschanzte sich in der Turmbibliothek  seines Familiensitzes im Südwesten Frankreichs. Dort verfasste er seinen Versuch «Über die Einsamkeit» und stellte fest: «Es ist kein leichter Part, sich in aller Ruhe zurückzuziehen.»


Ich ahne: Dass ich noch immer in meinem Büro sitze und über die Dächer Basels statt aufs Meer hinaus blicke, daran sind nicht die teuren Flüge oder schlechten Wettervorhersagen schuld. Ich könnte es mir leisten und mich dank flexibler Arbeitszeiten, WLAN und Laptop noch heute auf den Weg irgendwohin machen.


Doch es braucht viel, um an diesen Ort zu gelangen, diesen inneren Ort. Montaigne schrieb: «Wenn wir uns nun also vornehmen, […] uns der Gesellschaft zu entziehen, stellen wir uns so an, dass unsere Zufriedenheit nur von uns abhängt […].» Das ist doch ziemlich beängstigend, zumal in einer Zeit, die so viele Wünsche erfüllt und uns doch voller Sehnsucht zurücklässt.


Und so bin ich ganz froh, dass ein unaufschiebbarer Termin in die Agenda rutscht und mir die Entscheidung erspart, ob es nun Portugal oder Südfrankreich sein soll. Schliesslich berichten auch meine Freunde von unzähligen Überstunden und auf ein halbes Jahr hin verplanten Wochenenden. Wahrscheinlich versuchen wir uns damit Halt zu verschaffen angesichts der Grenzenlosigkeit
des Möglichen.


Denn eigentlich dürfen wir ja alles und müssen fast nichts mehr. «Die Karriere der Depression», schreibt der Soziologe Alain Ehrenberg, «beginnt in dem Moment, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher
Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden.»


Wir haben die Suche nach dem persönlichen Glück zur Lebensaufgabe erklärt, die den beruflichen und privaten Bereich gleichermassen einbezieht. Selbstverwirklichung und Eigenverantwortung sind die Leitmotive unserer Zeit. Doch der Philosoph Byung-Chul Han stellt fest: «Der Wegfall der Herrschaftsinstanz führt nicht zu Freiheit. Er lässt vielmehr Freiheit und Zwang zusammenfallen.»


Nun heisst es ja, dass gerade Künstler besonders häufig unter psychischen Problemen leiden: Man
denke nur an Goethe, van Gogh oder Woody Allen. Die herausragende Leistung dieser Menschen besteht darin, dass sie sich von der Krise nicht lähmen lassen, sondern aus ihr heraus neue Schaffenskraft entwickeln. Indem sie einen kreativen Freiraum finden, der nur ihnen selbst gehört.


Unsereins arbeitet in Co-Working-Spaces und Projekteinheiten, ist «always on» und global vernetzt.
Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil von Innovation. Mit Frischs Klause hat diese Arbeitsweise hingegen wenig zu tun. «Ausserhalb von allem» ist meistens erst, wen eine existenzielle Krise dazu zwingt. Gute Ideen aber brauchen Raum zum Wachsen. Den Flug, ich hab ihn nun gebucht. Vielleicht werde ich sogar schreiben.

 

 

Publiziert im Juli Kulturmagazin Aargau, April 2015

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