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Catch-A-Car, Sharoo und Uber: In der Schweiz spriessen Carsharing-Angebote momentan wie Pilze aus dem Boden. «Trenne dich von deinem Besitz», wirbt Mobility etwa in Basel: Mit Catch-A-Car schnappt man sich das nächstgelegene Auto, fährt von A nach B und bezahlt exakt für die Zeit, in der man unterwegs war. «Mein Auto ist dein Auto» heisst es auf der Online-Plattform von Sharoo: Hier können Mitglieder ihr eigenes Auto anderen Fahrern zur Verfügung stellen – und damit sogar Geld verdienen. Uber wiederum vermittelt private Chauffeure über eine App und macht damit Taxi-Fahrern Konkurrenz, die aufgrund von rechtlichen Auflagen nicht ähnlich tiefe Preise anbieten können.

 

«Teilen statt besitzen» heisst die neue Devise, und Carsharing-Plattformen sind längst nicht die einzigen Anbieter, die Güter und Dienstleistungen auf Zeit zur Verfügung stellen. Auf AirBnB etwa vermieten Private ihr Gästezimmer oder gleich die ganze Wohnung an Reisende. Die Plattform ist Hotels und Pensionen ein Dorn im Auge, weil AirBnB-Mitglieder bis anhin keine Mehrwertsteuern oder Kurtaxen bezahlen mussten.

 

Nicht nur Angebote in der Grauzone der Legalität sorgen aber dafür, dass das Heranwachsen sogenannter «Sharing Communities» und einer «Share Economy» zunehmend ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Mit Couchsurfing hatte AirBnB einen berühmten Vorläufer, über dessen Netzwerk Reisende in der ganzen Welt eine Couch zum Übernachten fanden – Gastfreundschaft ganz ohne kommerzielle Hintergedanken. Der Trend des Urban Gardening wiederum rückt die gemeinsame Nutzung und Pflege von Grünflächen in der Stadt in den Fokus. Und mit der Nachbarschaftsinitiative Pumpipumpe hat ein junges Berner Designkollektiv von sich reden gemacht: Wer eine Velopumpe, eine Bohrmaschine oder ein Fondue-Caquelon besitzt, tut dies mit einem Sticker an seinem Briefkasten kund.

 

Zum Teilen geboren

«Anything that can be shared will be shared», sagte Kevin Kelly, Gründer des Technologie-Magazins «Wired», im Jahr 2011 voraus. Das GDI Gottlieb Duttweiler Institute ist dieser These in seiner 2013 publizierten Studie «Sharity – Die Zukunft des Teilens» auf den Grund gegangen und hat festgestellt: «Der gemeinschaftliche Konsum, das Teilen und Tauschen von Autos, Haus, Garten, Kleidern usw. wird immer beliebter.» Die Trendforscher führen diese Entwicklung auf die Funktionsweise von Social Media zurück: Auf Facebook, Instagram & Co. ist (Mit-) Teilen Programm. Und diese Verhaltensweise überträgt sich zunehmend auch auf physische Produkte.

 

Doch Halt: Ist es tatsächlich so neu, dass wir unserem Nachbarn eben mal die Werkzeugkiste zur Verfügung stellen? Half man sich in bäuerlichen Gemeinschaften nicht ganz selbstverständlich mit Lebensmitteln, Maschinen und starken Händen aus? Kirchgemeinden organisieren schon seit Jahrzehnten Tauschbörsen für nicht mehr verwendete Kleider und Haushaltsutensilien. Und selbst das Carsharing-Angebot von Mobility geht auf das Jahr 1987 zurück – einer Zeit, in der das Internet einer breiten Bevölkerung noch gar nicht zugänglich war.

 

«Das Teilen ist uns Menschen sozusagen in die DNA eingeschrieben», bestätigt Mirjam Hauser, Mitautorin der GDI-Studie. Erst mit der Einführung von Geld als Tauschwert hat das Besitzen von Dingen dem Teilen nämlich den Rang abgelaufen. Seither ist auch der Konsum markant angestiegen. Dass das Teilen heutzutage wieder an Bedeutung gewinnt, macht Hauser an drei wesentlichen Entwicklungen fest.

 

Immer stärker werden sich die Menschen der begrenzten Verfügbarkeit von Ressourcen bewusst. Das Benzin wird teurer, die Fischbestände im Meer kleiner, der Leerstand an Wohnungen knapper. Im Zuge der Wirtschaftskrise haben viele Leute realisiert, dass ihr Wohlstand nicht in Stein gemeisselt ist. Hinzu kommt ein Umdenken im Bezug auf Bedürfnisse und Wertehaltungen: Gerade junge Menschen sehen Besitz zunehmend als Belastung an, denn dieser muss gepflegt und gewartet werden und schränkt die Flexibilität ein. Zeit zu haben für eigene Projekte und Interessen wird zum neuen Luxus. Nicht zuletzt vereinfachen die neuen Vernetzungstechnologien das Tauschen und Teilen über persönliche Kontakte hinaus und ohne zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein zu müssen. Das «Internet der Dinge» vernetzt nicht nur Menschen und Informationen, sondern eben auch Objekte.

 

Ein gutes Gefühl

Sind es in erster Linie also pragmatische Entscheide und wirtschaftliche Notwendigkeiten, die die Menschen wieder vermehrt zum gemeinschaftlichen Konsumieren anhalten? Nein, sagt Mirjam Hauser: «In unseren Befragungen war eines der Top-Argumente, dass man es gerne tut. Teilen ist wie Schenken: Es verleiht einem ein gutes Gefühl.» Beispiele, bei denen es um den Austausch von Ideen, um gemeinsam verbrachte Zeit und geteiltes Wissen geht, scheinen dies zu bestätigen. So treffen sich Start-Ups, Einzelunternehmer und Studenten in Coworking-Spaces, anstatt alleine im stillen Kämmerlein zu brüten. Kreative und Handwerker begründen Makerspaces, in denen sie nicht nur Werkzeuge und Maschinen, sondern auch Know-how teilen und an gemeinsamen Plänen tüfteln.

 

Die Wiederentdeckung der Gemeinschaftlichkeit spiegelt sich auch in der Entwicklung neuer Wohnquartiere und Bauformen wieder. In Winterthur etwa gibt es seit Kurzem eine Siedlung, deren Bewohner sich in der «Pantoffelbar» mit hauseigener Bibliothek treffen oder in der Waschküche, wo es auch Nähmaschinen und einen Töggelikasten gibt. In Zürich Wiedikon eröffnete die Genossenschaft Kalkbreite im August ein Mehrgenerationenhaus mit Kino, Atelierplätzen und einem Innenhof, der zum öffentlichen Stadtpark heranwachsen soll. Manche Wohnungen sind um eine gemeinsame Stube herum gruppiert, und in der Grossküche sorgt abends eine Köchin für das leibliche Wohl der Bewohner.

 

Natürlich sind solche Wohn-, Lebens- und Arbeitsformen nicht jedermanns Sache und so hat das GDI in seiner Sharity-Studie auch unterschiedliche «Teil-Typen» ausgemacht. «Es gibt Menschen, die gar nicht teilen, und solche, die es aus Effizienz- und Kostengründen tun», erklärt Mirjam Hauser. «Der grösste Teil jedoch tut es aus der Überzeugung heraus, dass das Teilen für sie selbst, die Umwelt und andere Menschen einfach besser ist.» Dies spricht dafür, dass Sharing Communities auch in der wohlhabenden Schweiz durchaus Potential haben. Ausschlaggebend für den Erfolg entsprechender Plattformen dürfte sein, dass sie schnell einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichen.

 

Ein Modell wie dasjenige von Myfoodsharing etwa funktioniert nur, wenn ich in meiner Stadt auch wirklich Personen ausfindig machen kann, die kurzfristig Kokosraspel fürs Kuchenbacken übrig haben oder sich spontan mit mir zum Restenessen zusammentun. «So exponentiell, wie die Ideen entstanden sind, werden sie im Alltag wohl nicht Fuss fassen», kommentiert Hauser. «Viele Konzepte könnten die ersten zwei Jahre nicht überleben, weil sie die kritische Grösse nicht erreichen.»

 

Wer profitiert?

Tatsächlich handelt es sich bei der Share Economy derzeit noch um ein «intellektuelles Grossstadtphänomen», wie eine «Spiegel»-Umfrage in Deutschland ergab. Dies dürfte auch auf die Schweiz zutreffen. Die Untersuchung zeigt sogar, dass insbesondere gutverdienende Personen Gefallen am Modell finden. Womöglich kommen ärmere Bevölkerungskreise gar nicht so sehr in den Genuss davon, weil sie die Angebote entweder nicht kennen oder selbst wenig zum Teilen anzubieten haben.

 

Ein düsteres Bild zeichnete auch der Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin 2000 in seinem Buch «Age of Access»: In Zukunft, so die These, werden wir nichts mehr besitzen, aber für jegliches Nutzungsrecht und jede Zugehörigkeit bezahlen müssen. Beispiele wie AirBnB und Uber zeigen schon jetzt, wie leicht sich aus der Idee der Gemeinschaftlichkeit Profit schlagen lässt – rechtliche Hürden Hin oder Her. «Eine Welt, in der wir nur teilen und tauschen, wird es wahrscheinlich nie geben», kommentiert Mirjam Hauser vom GDI. So schwarz wie Rifkin mag es die Trendforscherin aber nicht sehen: «Ich glaube, dass es ganz viele Mischformen geben wird».

 

Bestimmte Dinge, so die Sharity-Studie, wollen wir einfach selbst besitzen: Hygieneartikel etwa oder das persönliche Mobiltelefon. Andere, uns wichtige Dinge, teilen wir nur mit nahestehenden Personen und übertragen die Wertschätzung für das Objekt damit auf sie. Und hierin liegt wahrscheinlich der springende Punkt: Wie gross wird in Zukunft die Gemeinschaft sein, mit der wir etwas teilen, ohne eine klar definierte Gegenleistung zu erwarten?

 

Früher war es ganz normal, dem Cousin bei der Bewerbung zu helfen. Heutzutage konzentrieren sich solche Hilfestellungen meist auf den engsten Familien- und Freundeskreis. Neue Technologien und die sozialen Medien würden es auf jeden Fall erleichtern, auch im erweiterten Kreis mehr als nur «Selfies» zu teilen.

 

 

 

Publiziert im November 2015 im Online-Magazin von Migros-Kulturprozent (nicht mehr abrufbar)

Die neue Kultur des Teilens

In Zukunft werden wir Haus, Auto und Schreibtisch nicht mehr besitzen, sondern gemeinsam mit anderen nutzen – sagen Trendforscher. Über soziale Netzwerke entstehen Gemeinschaften, die nicht nur Bilder und Nachrichten austauschen, sondern sich auch Gegenstände, Fertigkeiten und Erfahrungen weitergeben. Doch wie sozial ist das neue Teilen wirklich? Und was ist eigentlich so neu daran?