Kebede Dalacho steht in Muri in der Küche und kocht Shiro, einen Eintopf aus Erbsenpulver, Tomaten, gehacktem Ingwer und Gewürzen. In Äthiopien wird das Gericht mit der Injera aufgetischt, einem Sauerteigfladen. Mangels Zeit und Platz für die Herstellung haben Dalacho und seine Frau Nadine Guthapfel kur­zer­hand ein Brot aus Zwerghirse, dem äthiopischen Grundnahrungsmittel, kreiert. Es schmeckt vorzüglich, und Dalacho hat sichtlich Freude daran, dem Gast einen kulinarischen Eindruck von seinem Land zu vermitteln.

 

Dass ein äthiopischer Mann in der Küche steht, ist am Horn von Afrika ein seltenes Bild. Und wie Kebede Dalacho diese Rolle für sich in der Schweiz ausgestaltet hat, zeugt vom Einfalls­reichtum, der Leidenschaft und dem Durchhaltewillen, die er und Nadine Guthapfel auf ihrem gemeinsamen Weg immer wieder zum Tragen bringen. «Hinter geschlos­senen Türen sagen wir gern, dass wir Superhelden sind», meint Dalacho mit einem Augen­zwin­kern.

 

Manchmal kommt es anders...

Die gemeinsame Geschichte von Guthapfel und Dalacho beginnt im Südwesten Äthiopiens, in der Region Kaffa, dem Ursprungsort des Arabica-Kaffees. Guthapfel, als Nachhaltig­keits­­expertin auf Projekt­besuch in Ost­afrika unterwegs, wollte zum Abschluss ihrer Reise unbedingt den reizvollen Ort besuchen, wo Bauern den Wildkaffee von Hand im Bergregenwald pflücken. «Damals wusste ich noch nicht, wie bedeutungsvoll dieser Ort für mein Leben würde», blickt Guthapfel zurück.

 

Wie so oft auf Reisen im Ausland, lief alles ein bisschen anders als geplant. Die Schweizerin sass in der Stadt Arba Minch fest und beschloss, zum Trost in ein besseres Hotel zu wechseln. Es war Kebede Dalacho, der sie abholte. Als er von Guthapfels vereitelten Plänen hörte, war das die Chance, seine Qualitäten als Superheld ein erstes Mal unter Beweis zu stellen. «Ich liebe es, das Unmög­liche möglich zu machen», sagt Dalacho lachend. «Wenn jemand etwas Besonderes brauchte, war ich der Typ, den man rief.»

 

Ein kühnes Unterfangen

Nach mehreren Anläufen machten sich die beiden auf den Weg nach Kaffa. Über unbefestigte Strassen ging es 400 Kilometer durch die dunkle Nacht, unzählige Male mussten die Reifen gewechselt werden, das Fahrzeug schlingerte, es regnete in Strömen. «Bis zum Schluss liess ich mich nicht von meiner Idee abbringen», schmunzelt Guthapfel. «Wenn man etwas wirklich will, dann gibt es einen Weg.» Und das blieb ihr Motto für alle Herausforderungen, die folgten.

 

Sie wurden ein Liebespaar, zogen zusammen in die Schweiz, bekamen einen Sohn. Die ersten Monate in der neuen Heimat wurden für Dalacho zum Kulturschock. «Ich hatte nie damit gerechnet und es mir auch nie gewünscht, mein Land zu verlassen. Ich hatte mein Unternehmen dort, meine Geschwister, mein ganzes Netzwerk.» In Muri kam es ihm kalt vor, und auf den Strassen war es still. Doch da war seine Liebe, und da war die Vision, einen Unterschied zu machen für sein Land.

 

Alles kam in Bewegung, als Dalacho nach rund anderthalb Jahren in der Schweiz mit dem schlafenden Kleinkind zuhause sass und ihm Guthapfel aus Zürich einen Flyer aufs Handy schickte. Es war die Ausschreibung von «Capacity», einem Start-Up-Programm für Men­schen mit Flucht- oder Migrationshintergrund. Dalacho bewarb sich, und als es losging, kam der Äthiopier erst richtig hier an: «Ich lernte spannende Menschen kennen und ent­wickelte endlich ein Gefühl für dieses Land.»

 

Zurück zu den Wurzeln

Dalachos Idee war es, ein Sozialprojekt für sein Heimatdorf zu lancieren. Es sollte den Menschen in Saware Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Einrichtung besserer Kochstellen und den Aufbau einer Dorfschule ermögli­chen. Mit seinem Mentor bei «Capacity» dachte er darüber nach, wie das Vorhaben zu finanzieren wäre.

 

Im Anschluss nahmen Guthapfel und Dalacho an der «Singa Factory» teil. Auch sie bietet interkul­turell­en Unterneh­mern Coaching und Mentoring auf dem Weg zur Gründung. Das Paar nahm in den Fokus, was es bereits vereinzelt begonnen hatte: Indivi­dual­­reisen nach Äthiopien zu organisieren.

Mit «KafiUndSchoggi Reisen» wollten sie nun auch Kleingruppenreisen ins Angebot aufnehmen: Reisen, die Gästen und Einheimischen authentische Begeg­nungen auf Augenhöhe er­mög­lichen. 4% der Einnahmen sollen dabei in Dalachos Herzens­projekt «Saware Dicha» fliessen. «Die ausgetre­tenen Pfade verlassen, das ist unsere Spezialität», sagen die beiden dazu. Statt aus der italienischen Espresso­kanne wird der frisch geröstete Kaffee dann im eleganten Tonkrug, der Jebana, serviert.

 

 

Publiziert am 22.8.2019 in der Aargauer Zeitung

Alles begann da, wo der Kaffee herkommt

Mit «KafiUndSchoggi Reisen» bietet ein schweizerisch-äthiopisches Paar aus Muri nachhaltigen Tourismus und finanziert soziale Projekte.